Die Sammlung


Wolfgang Christian Schneider wurde am 16.2.1931 in Völklingen/Saarland geboren. Er kam 1939 über Braunschweig nach Salzgitter. Hier half er schon als Jugendlicher bei Kinovorführungen in Dorfgaststätten. 1945 waren amerikanische Offiziere im Elternhaus einquartiert. Neben Jazz, Coca Cola und klassischer Musik kam so auch Walt Disney in das Leben von Wolfgang Schneider. Als die Amerikaner abzogen, ließen sie unter anderem einige Rollen Filme für ihn zurück.
Nach Abschluss der Mittelschule besuchte Wolfgang Schneider für einige Semester eine Wirtschaftsschule, die er verlassen musste, als die Eltern die Studiengebühren nicht mehr aufbringen konnten. Er fand Anstellung in einem Bauunternehmen, in dem er schnell vorankam. Der gesparte Lohn erlaubte ihm ab 1952 den Besuch einer Hochschule für Betriebswirtschaft in Frankfurt.
Hier sah er viele Filme, ging in die Oper, ins Theater und in Jazzkonzerte, wo er die namhaften Musiker der Zeit erlebte: Louis Armstrong, Dizzy Gillespie, Lionel Hampton und andere. Mitte der 50er Jahre kam Wolfgang Schneider nach Wolfsburg, damals noch eine Barackenstadt des Volkswagenwerks. Nachdem er seine Zulassung als Steuerberater erhalten hatte, machte er sich selbständig.
In seinem modern eingerichteten und mit einer beeindruckenden Kunstsammlung ausgestatteten Wohnhaus bei Wolfsburg richtete sich Schneider ab 1964 ein eigenes Heimkino mit 35mm- und 16mm-Projektoren, Umrolltisch, Leinwand und bequemen Sesseln ein, um zusammen mit Familie und Freunden gemeinsam Filme anzuschauen. So gehörten der Fotograf Heinrich Heidersberger und der Bildhauer Jürgen Weber zu den Gästen. Gegenwärtig dreht der Filmemacher Florian Krautkrämer einen Film über das Wohnhaus und die Sammlung.
Herr Schneider baute seine Sammlung kontinuierlich aus, indem er u.a. gut erhaltene Kopien von Verleihfirmen aufkaufte, deren Auswertungsrechte in Deutschland abgelaufen waren. Parallel baute Herr Schneider eine umfangreiche Filmbibliothek auf, die neben Künstlermonographien, Filmlexika und Publikationen zu unterschiedlichen Genres auch spezielle Nachschlagewerke zu Filmrechten und Archivbeständen umfasst. Nach Erkrankung und Umzug in ein Pflegeheim verstarb Wolfgang Schneider im Juni 2011.
Bei näherer Prüfung erwies sich die Sammlung vom Umfang als auch von der Qualität der Filme her als äußerst ungewöhnlich. Sie umfasst ca. 1.100 lange und mehr als 900 kurze Filme in den Formaten 35 und 16mm, darunter ca. 100 Nitrokopien, und sie umspannt den gewaltigen Zeitraum von 1915 (BIRTH OF A NATION von David Griffith) bis 1990 (STARFIRE von Richard C. Sarafian, mit Charlton Heston und Jack Palance). Es ist nicht auszuschließen, dass die Sammlung Filme enthält, die bisher als verschollen galten, insbesondere im Kurzfilmbereich.
Die meisten Kopien – ca. 70% – stammen aus den 50er und 60er Jahren. Die vorzugsweise gesammelten Produktionsländer sind die USA, Deutschland (inkl. Filme aus der Weimarer und NS-Zeit), Frankreich, Großbritannien und Italien. Insgesamt finden sich Filme aus 21 Ländern, darunter die Filme der bedeutendsten Regisseure der Filmgeschichte. Eine mehr oder weniger vollständige Bestandsliste existiert. – Der Zustand der Kopien ist unterschiedlich gut. Die Kopien lagerten über Jahre in Garagen, Schuppen und Kellern. Ein Teil des Bestands muss wohl aufgrund von Beschädigungen als verloren gelten. Die Sichtung von ca. 30 Filmen für das filmfest ergab jedoch einen sehr hohen Anteil sehr gut erhaltener Kopien.
Es dürfte sich bei der Sammlung Schneider um eine der größten privaten Filmsammlungen – selbst im internationalen Maßstab – handeln. Es ist daher erstrebenswert, die Sammlung für ein öffentliches Filmarchiv und/oder für das Land Niedersachsen in ihrer Gesamtheit zu erhalten und wissenschaftlich zu erschließen.
Zur Sicherung des Bestandes muss zunächst das Problem der fachgerechten Lagerung gelöst werden: Es bedarf ausreichend großer Räumlichkeiten, einer Klimatisierung, der Beschaffung von Regalen und Filmdosen. Die gut erhaltenen Kopien müssen von Nitro- und „saurem“ Material getrennt werden. Daran anschließend wäre die Frage zu klären, wie die Sammlung wissenschaftlich erschlossen werden kann.
Wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn verspricht unter anderem die umfangreiche Sammlung der sogenannten „Kulturfilme“, die filmhistorisch bisher kaum erschlossen sind. Auch private Filmkopiensammlungen und ihrer Bedeutung für das filmhistorische Gedächtnis sind bisher von der Filmwissenschaft kaum beleuchtet worden. Im Zeitalter digitaler Medien wie der DVD scheint das technisch und finanziell aufwändige Sammeln von Filmkopien eine überholte Leidenschaft des 20. Jahrhunderts zu sein. Paradoxerweise gewinnt gerade die analoge, massenhaft reproduzierte Filmkopie im Zeitalter der digitalen Entmaterialisierung an „Aura“ (Benjamin).
Text: Volker Kufahl

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